Silvesterabend
Es ist der letzte Tag des Jahres und wir befinden uns in einer ganz und gar beliebigen Wohnung. Sie befindet sich im vierten Stock, in einer gewöhnlichen Straße inmitten einer Großstadt,
von denen es schon viel zu viele gibt und von deren Masse sich eben genannte (oder vielmehr nicht genannte) ganz bestimmt nicht abhebt. Wenn man draußen vor dem Haus steht
(ich möchte noch bemerken, dass es sich um ein durch und durch normales Haus handelt), wird man sich denken können, dass dort etwa 6 Familien hinter etwa doppelt so vielen erleuchteten Fenstern, womöglich über einem
Karpfen, hocken, die ein oder andere Anekdote zum Besten geben und dann dem allüberall üblichen Bleigießen fröhnen. Nun befinden wir uns aber bedauerlicherweise nicht vor dem Haus,
sondern darin. Genauer: in der im ersten Satz (man möge sich erinnern oder einfach nocheinmal nachlesen) bereits erwähnten Wohnung. Was aber, wird man sich jetzt fragen, hat uns bewogen,
uns genau in diese Behausung und auch bestimmt ganz und gar nicht woandershin zu begeben? Nun, es ist wohl an der Zeit zu bemerken, dass es vielleicht (nein eigentlich ganz bestimmt sogar), durchaus
etwas gibt, dass besagte Wohnung ungewöhnlich macht. Und dieses Etwas heißt K. K. für ihren Teil ist etwa 7 Jahre alt, trinkt gern Milch, manchmal auch Tee, aber niemals Kaffee. Denn dafür fühlt sich K. (und
das mag man auch durchaus verständlich finden) zu jung. Auch schaut K. gern aus dem geöffneten Fenster, insbesondere aus dem, welches sich in der Küche befindet, um das ein oder andere interessante Wort aufzuschnappen, dass
sich die Kinder unten auf der Straße zurufen. K. hat Kinder gern, denn sie besitzen, wie jeder weiß und was wir an dieser Stelle auch nicht bestreiten wollen, recht helle Stimmen. K. findet es aufregend Wörter mit ihren Ohren (sie besitzt ein sehr abstehendes Paar)
aufzufangen, sie in ihren Kopf zu setzen und dort solange zu behalten, bis sich einige aufregendere finden. Und gerade in diesem Augenblick, in dem wir uns bekanntermaßen in K.s Wohnung im vierten Stock befinden, steht sie auf einem Stuhl (K. ist von recht kleiner Statur)
am geöffneten Küchenfenster und schaut hinunter auf die Straße. Dort befinden sich auch tatsächlich einige Kinder, diesmal in Begleitung ihrer mit Karpfen gefüllten und durch Bleigießen ermüdeten Eltern. K. bemerkt (und darauf ist sie sehr stolz), dass ebendiese Kinder sich
in recht angespannter Stimmung befinden und sie möchte sogar behaupten, dass sie freudig-erregt sind. Da laufen und lachen sie und verhalten sich so gar nicht wie K. (die es im Übrigen vorzieht, alles im Geheimen zu tun, denn was wäre man ohne Geheimnisse?).Und wie K. so aus dem Fenster und hinunter auf die Straße schaut, sieht sie dort unten einige Lichter flackern. Nein, soetwas kennt sie nun wahrhaftig nicht.
Die kleinen tanzenden Punkte dort unten über dem nassen Asphalt fesseln sie durchaus, das muss sie sich wohl oder übel eingestehen. Sie scheinen sie zu sich herunterzurufen und K. hört ganz genau hin (natürlich hat sie nicht vor aus dem vierten Stock bis hinunter auf die Straße zu laufen, nur weil der ein oder andere Lichtpunkt sie darum bittet). Einige von ihnen machen sogar Anstalten zu ihr heraufzukommen. Einfach so an der Hauswand hoch, und da zischt und knallt es plötzlich gewaltig und dann, K. ist nicht wenig verwundert, saust etwas,
das seltsamerweise einen feurigen Schweif hinter sich herzieht, an ihr vorbei und nach oben in den Nachthimmel, wo es sich in einem Funkenregen auflöst. Da nun hört K. viele neue Worte (ihre geübten Ohren bemerken dies sofort), wie "Rakete" und "Feuerwerk" und "Neujahr" und
schnell fängt sie sie ein. In K.s Kopf aber nehmen die neuen Worte (wie schon vorher erwähnt, verhält es sich bei K. nuneinmal so) ihre Plätze ein. Die Plätze von "Tulpe" und "Roller" und "Schwimmbad". Bis zum nächsten Sommer.
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