Schildkrötentage

Manchmal verlasse ich mich und werde ein bisschen erwachsen. Lautlos, nur für mich, hinter verschlossenen Türen und nur für ein paar Minuten. Ein kleines Stückchen trau ich mich heraus, aus meinem Schildkrötenpanzer. Um aus dem Fenster zu sehen, um wahrzunehmen, was die anderen wahrnehmen, was du wahrnimmst. Es ist kalt, meine Hände und Füße sind viel zu groß und ich habe Angst nicht mehr zurückzufinden. Meine Gefühle werden sich verlaufen, sich im Kreis drehen und nach und nach verkümmern. Bis sie, wie kleine Sandkörner, am Boden dieses übergroßen Gefäßes liegen. Es tut weh erwachsen zu sein. Und du, wiederum, wirst manchmal wie ich und lässt den Schalk aus deinen Augen blitzen, lässt deinen Körper klein und schwach werden und nimmst mich bei der Hand, um nicht zu fallen. Dann gehen wir bei Nacht ein Stück die Straße hinunter, wie du es in deinen ernsten Tagen nie tun würdest und ich seh dich an, von der Seite. Das magst du für gewöhnlich nicht. „Du siehst meine Schwächen“, sagst du dann und wendest dich ab. Und du hast recht, ich kann dich sehen. Dein Lachen, das du gut versteckt hälst, dein Singen. Ich kann dich sehen, wie du Tee trinkst und barfuß im Regen durch den Park läufst, wie du schreibst und dabei minutenlang deinen Bleistift hin- und herdrehst. Es sind unsere Schildkrötentage, an denen du es zulässt ein kleines Stück von mir zu tragen. Vielleicht kann ich, nur für dich, einmal erwachsen sein. Für eine Stunde, für einen Tag. Um dir zu zeigen, dass auch ich ein Stück von dir in mir trage.


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