Lone Boy

„Hallo!“ Sie erschrak über diese Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien und die morgendliche Schweigsamkeit der U-Bahn zerriss wie ein Kanonenschuss. Sie hatte ihn nicht kommen sehen, vertieft in ein Buch. Wie lange er ihr wohl schon gegenüber gesessen hatte? Seit höchstens drei Stationen, überlegte sie. Fünf war sie gefahren und nach der zweiten vertiefte sie sich für gewöhnlich in ihre tägliche Lektüre, die die wenigen Stunden der Ruhe, die ihr abseits des Molochs, das sich Arbeit schimpfte vergönnt waren, zu Inseln der Selbstbezogenheit machte. Nun aber blickte sie, etwas irritiert, auf und sah ihrem Gegenüber ins Gesicht. Wie alt mochte er sein? 26 vielleicht, höchstens 28 aber von einer kindlichen Ausstrahlung, die ihn verloren wirken ließ im kalten Licht der Neonröhren über ihnen. Das Haar hatte einen eigenartigen Schnitt, nicht wirklich kurz, aber auch nicht so lang, dass man es als individuell bezeichnen mochte. Es verstärkte noch den jungenhaften Ausdruck, der in seinen grauen Augen lag. Sein olivefarbener Parka wirkte mindestens eine Nummer zu groß und er hatte seine Hände tief in den Jackentaschen vergraben.
„Was liest du?“, fragte er nun und ehe sie sich recht besinnen konnte, hatte er ihr die Antwort schon abgenommen:“Ezra Pound ist nichts für mich. Ich lese lieber Comics, weißt du. Ich sammle sie. Manchmal verkaufe ich welche. Davon kann ich ganz gut leben.“ Sie blickte ihn, nunmehr vollends verwirrt, an und sagte nichts. „Hast du einen Freund?“, fuhr er fort und strich sich mit einer linkischen Geste eine dünne Strähne seines braunen Haares aus der Stirn. „Ich hatte einmal einen Freundin. Aber sie hat mich verlassen. Sie wollte, dass ich mal rausgehe, mich betrinke, mit dem Rauchen anfange, wie die anderen Männer. Sie fand, ich wäre langweilig und kindisch.“ Ihr Buch lag weiterhin aufgeschlagen auf ihrem Schoß und sie schloss es nun langsam und in Gedanken versunken. Was brachte diesen Jungen dazu ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen. Hatte sie ihn dazu ermutigt, ihm vielleicht unbewusst ein Zeichen gegeben? „Ich heiße übrigens Nevan und du?“ „Kate.“, erwiderte sie und im selben Moment verspürte sie ein seltsames Widerstreben, da er ihren Namen eigentlich nicht zu erfahren brauchte. Eigentlich müsste er sich auch nicht so weit vorbeugen, um ihr ins Gesicht zu sehen. Die Sitze waren ohnehin nicht weit voneinander entfernt. „Ich habe versucht mich wegen meiner Freundin umzubringen“, meinte er plötzlich,“Schau hier!“ Mit diesen Worten öffnete er seinen Parka und schob seinen Pullover so weit hoch, dass sie die Narben unter seinen Achselhöhlen sehen konnte, die nicht älter als ein halbes Jahr sein konnten. Er musste sich seiner Sache sehr sicher gewesen sein, wenn er diese Stelle den Pulsadern vorgezogen hatte. Sie wusste, dass man auf diese Art schneller Blut verlor.
Sie hatte eigentlich entschieden, dass sie auf sein Gespräch nicht eingehen wollte, dennoch war ihr die Frage entschlüpft, ehe sie noch überlegen konnte. “Warum hast du das getan, Nevan?“ Sie sah plötzlich, wie seine Augen aufleuchteten, als sie seinen Namen nannte und er wirkte regelrecht benommen, was ihn dazu brachte sie sekundenlang nur anzustarren bevor er antworten konnte. Seine Stimme klang klein, gebrochen und machte ihr nocheinmal mit aller Macht bewusst, dass das Leben diesen Jungen beständig zu quälen schien: “Ich habe ihr geglaubt, Kate.“, er sprach ihren Namen fast andächtig,“Ich habe geglaubt, als sie sagte, ich wäre ein Verlierer. Und Verlierer kommen im Leben nicht weit, ist es nicht so?“ Jedem anderen hätte sie jetzt etwas Aufmunterndes entgegnet, ihm gesagt, dass es keinen Grund gäbe sich das Leben zu nehmen, irgendwas von Topf und Deckel vermutlich. Jetzt jedoch schlug sie nur betreten die Augen nieder und hörte, wie er leise aufseufzte. „Kann ich deine Telefonnummer haben?“, fragte er ganz unvermittelt, als die U-Bahn sich bereits in der Anfahrt auf ihre Station befand. Sie wusste, dass sie sie ihm nicht geben konnte. Sie wäre nur eine weitere Station seiner Qual, wenn sie sich seiner aus Mitleid annahm.Das Buch in ihren Händen wog schwer als wollte es ihr zeigen, was sie tun konnte. Und damit legte sie es ihm in die Hände. Er blickte verwundert, dankbar, darauf und hielt sich daran fest.
„Hier muss ich aussteigen. Tut mir Leid, Nevan.“. Damit stand sie auf und trat durch die Tür hinaus auf den Bahnsteig. Sie sah sein Gesicht durch die Scheiben, als die U-Bahn abfuhr, und war sich fast sicher, dass er ein bisschen lächelte. Zwei Wochen später auf dem Weg von der U-Bahn nachause fand sie, als sie die Hände in die Taschen ihres Mantels steckte, um sie vor der schneidend kalten Nachtluft zu schützen, eine kleine Notiz. Nur eine Zeile in ungelenker Handschrift auf einem bunten Stück Papier:.
„Oh, I have picked up magic in her nearness.“
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