Es ist Zeit gefunden zu werden. Nach 48 Stunden, 21 Tagen Tagen, fünf Monaten und zwei Jahren bei Wouter sind nur noch ein paar kümmerliche Reste unseres Zusammenlebens übrig geblieben. Es wird Zeit, dass jemand den Deckel öffnet und mich herausholt, aus Wouters Wohnung, die nach und nach für mich zu einer Art Schuhkarton geworden ist, in den nur wenig Licht fällt und in dem mittlerweile die Luft knapp wird. Seit es in diesem Jahr Mai geworden ist, drängen sich von draußen Beklemmungen und Ungenauigkeiten in sämtliche Räume, selbst bis ganz nach hinten ins fensterlose, grün gekachelte 60er Jahre Bad, in dem nur Wouters Rasiersachen und meine Zahnbürste auf der Ablage liegen. Anstelle der Rufe der Mauersegler, die in den kalten, ausgewaschenen Morgenstunden immer ein wenig hallen im Hof, kriechen andere Stimmen und unvertraute Gerüche mit der Zugluft unter dem Türspalt hervor. Entlang der Fensterrahmen kann man sie kalt an den Fingerspitzen fühlen. Oft hustet einer der Nachbarn, draußen im Treppenhaus, wenn er zur Arbeit geht und bleibt dabei ungewöhnlich lange stehen, was man daran hört, dass die Stufen aufhören zu knarren. Mich macht das unruhig.
Unten vor der Haustür ist der Mai noch blass, zu farblos, um die Fassaden der Häuser hinaufzukommen, die Menschen laufen durcheinander, als wüssten sie nicht, wohin sie gehen sollen, weil alles am Anfang steht. Sie verheddern sich, in einem Geflecht aus graublau-unsicheren Blicken, neue Menschen, denen diese Tage nicht ganz geheuer sind. Und während sich auf dem Pflaster vor den Cafés, in denen wieder nur Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und Röcken im Millefleurs-Muster sitzen, glänzende Pfützen aus Sonnenlicht bilden, erledige ich meine Besorgungen schneller als sonst, um wieder nachhause zu kommen. „Das ist doch nichts, Mi“, sagt Wouter, wenn er mir ins verkniffene, winterblasse Gesicht sieht, in dem die Nase noch immer so rot ist wie im Februar. „Es wird eben Sommer.“....