5 years of innocence

Es war nur ein Versehen. Ich habe es nicht mit Absicht getan und dennoch bin ich schuldig geworden an seinem Tod. Das weiß ich jetzt. Da lag er, ganz still und ich fand nicht, daß er sonderlich stark blutete. Dennoch entschied ich, daß es nötig sein würde seine Sachen zu waschen und zog ihn aus. Beim Ausräumen seiner Hose, die mir so bekannt war, fiel mir ein Schlüssel in die Hände. Ich steckte ihn in meine eigenen Taschen. Warum kann ich nicht sagen, aber plötzlich keimte in mir der Gedanke auf, man müsse ihn in eine Plastiktüte verpacken. Ich wählte seltsamerweise eine, die in gar keinem Verhältnis zu seiner Körpergröße stand. Sie war viel zu klein. Bis dahin hatte ich ihn nicht erkannt, nicht gesehen, wer er für mich gewesen war, bevor er aufgehört hatte zu atmen. Doch nun schlug die Schwärze meiner Tat wie eine riesige Welle über mir zusammen. Ich ließ ihn liegen wo er war und rannte von Panik getrieben in die Küche, wo die Familie beim Essen saß. "Ich war es", würgte ich hervor und kämpfte die Übelkeit nieder. Meine Schwester begann sofort zu schreien. Warum sie davon wusste, war mir noch nicht klar. "Bringt ihn weg!", schrie sie und ihre Stimme überschlug sich dabei, während ihr die Tränen aus den Augen schossen. Längst hatten alle aufgehört zu essen, was mir in der Art und Weise seltsam erschien, da sie nichts anderes taten als zu schreien. Dachte denn niemand daran ihn aus dem Zimmer zu holen? Warum war plötzlich allen daran gelegen mich, ihren Sohn und Bruder, zu verurteilen , völlig irrational zu reagieren? Mein Vater brachte mit größter Anstrengung hervor, er wolle mich keine Nacht, keine Stunde länger in seinem Hause haben. Man würde mich noch heute, es war spät am Abend, einweisen lassen. Ich spürte wie mir die Beine den Dienst versagten und unter mir wie Streichhölzer einknickten:"Ich will nicht verrückt sein. Ich bin nicht verrückt", schrie ich in höchstem Falsetto, denn ich fürchtete mich zu Tode davor mit jenen zusammengesperrt zu werden, die tatsächlich irrsinnig waren. Dennoch gelang es mir aufzustehen und in mein Zimmer zu wanken, denn ich gedachte sofort zu packen. Ich könnte ihre Gesichter, voll von Verzweiflung und Abscheu keine Sekunde länger ertragen. Doch als ich, angekommen vor meinem Schrank, ihn aufschloss und zu Boden blickte, wusste ich nicht recht welche meiner Sachen, die dort verstreut lagen, ich in der Reisetasche verstauen sollte. Zwischen Unmengen zerknüllter Papiertaschentücher fand ich das Haar meiner Lieblingspuppe. Vor Jahren hatte ich es ihr abgeschnitten und von da an hatte sie unter der Bodenplatte meines Schrankes gewohnt. Wie sonderbar, dass es dort lag. Auf den bloßen, kalten Holzdielen."Ich habe doch nur mit ihm spielen wollen", beteuerte ich meiner Mutter, die darauf gewartet hatte mich endlich fortschaffen zu dürfen und mich nun wie versteinert anstarrte. Sie spie mir förmlich ins Gesicht, wir wären doch verdammt nochmal über 20 gewesen. Wie könne man da jemanden im Spiel ermorden. Mit diesen Worten stürzte sie an mir vorbei ans geöffnete Fenster und erbrach sich, was ich in keinster Weise ungewöhnlich fand. "Ich bin fertig", flüsterte ich ,"Wir können gehen."

Ich habe mein Elternhaus, meine Schwester, nie wieder gesehen. Ab und an kommen sie mich in meinen Träumen besuchen, wenn die Medikamente ihren Griff um meine Venen etwas gelockert haben. Dann lächeln sie und sagen, sie würden nun verstehen. Man sagt, ich hätte ihn bereits seit einigen Jahren versteckt gehalten. Unter der Bodenplatte in meinem Schrank habe er gelegen. Mit streichholzkurzem Haar. Die Polizei hätte lange nach ihm gesucht und man sei einfach nicht auf die Idee gekommen, sein eigener Bruder habe ihn getötet. Ich hatte ihn sehr gern mit seinen lockigen Haaren. 23 war er als ich ihm das Schwert meines Vaters, das teuerste und edelste seiner Sammlung, in die Leiste stieß. 20 war ich, als der Wahnsinn mich in seine klammen Arme nahm. Nun bin ich 25 und habe es geschafft mich all die Jahre nicht an diese Tat zu erinnern, wozu die Mittel, die sie mir spritzten, einen wohl nicht unerheblichen Beitrag leisteten. Ich hoffe er kommt mich einiges Tages besuchen und wird mir verzeihen. Sein Haar gebe ich ihm an diesem Tag zurück.


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