Frühlingstag im Februar

Als Erzähler muss man seine Figuren kennen, sagte einmal ein Schriftsteller (und wenn sich schon einer so nennen darf, muss man ihm wohl Glauben schenken). Man muss sein wie sie. Ein Charakter muss eine Geschichte haben (wie sollte er sonst existieren?), sonst wäre er nur ein lebloses Gebilde aus Tinte (wahlweise auch Bytes) und Papier. Ich kann dem nur zustimmen, auch wenn ich mir nicht anmaße zu behaupten, ich wäre wie K. K. ist einzigartig, und so ist es an der Zeit ihre Geschichte zu erzählen.
Für gewöhnlich beginnt man hierbei an der Stelle, an welcher sich die zu beschreibende Person zum ersten Mal in diese geräuschvolle, man möchte sagen impertinent laute Welt begibt. Am Tag als K. (und ich nutze hier nur ungern diese Floskel) das Licht der Welt erblickte war von vorherein schoneinmal alles ganz anders als gewöhnlich. Es war Februar (was an und für sich in jedem Jahr für 28 bis 29 Tage vorkommt und daher an sich nichts Bemerkenswertes ist) und trotz eisiger Kälte hatten ein paar Vögel beschlossen vor dem Fenster des Geburtshauses, in dem die Hebamme gerade damit beschäftigt war K. einen zweiten Klaps zu verpassen (seltsamerweise hatte K. beim ersten nicht die geringsten Anstalten gemacht einen Ton von sich zu geben), ein paar heisere Töne zu singen. Daraufhin zeigte K., die beschlossen hatte den Bemühungen der Hebamme nachzugeben und einen leisen Quietscher von sich gab, dass sie durchaus mehr Leben in sich trug, als auf den ersten Blick zu erkennen gewesen sein mochte. Sie wendete sich mit geschlossenen Augen dem Fenster zu (vor dem die Vögel noch immer einer handfesten Lungenentzündung entgegentirrilierten) und lauschte hingebungsvoll. Sie war klein, obgleich sie doch die vollen neun Monate in der dunklen Umgebung voll dumpfiger Töne voll ausgekostet hatte. Und so sah man ihrem winzigen Körper an, wie er den Gesang der Vögel in sich aufnahm, sich straffte und nun seinerseits das ersehnte Schreien von sich gab, das (und niemand könnte es leugnen) sich unheuer melodiös anhörte.
K. war schon früh der Meinung, man solle einen Gruß niemals unerwidert lassen, erst recht nicht, wenn er eine Erkältung des Grüßenden zur Folge haben würde. An dieser Stelle, und der Leser wird mir spätestens hier Recht geben, sei nocheinmal die Inadäquatheit des Ausdruckes "das Licht der Welt erblicken" im Bezug auf K. erwähnt. Denn K. erblickte nicht das Licht, sie erhörte es und es ist daher nicht schwer nachzuvollziehen, dass bereits hier abzusehen was für eine ausgesprochen bedeutsame Rolle Geräusche, Töne und Wörter in K.s weiterem Leben spielen würden.
Hier nun (denn so eine Erkenntnis von Sinnhaftigkeit muss ersteinmal verdaut sein) wollen wir K. verlassen und uns Gelegenheit geben über unsere eigene Geburt nachzudenken. Vielleicht hat der ein oder andere unter meinen Lesern seinerseits die Welt ganz anders wahrgenommen, als es konventionellerweise der Fall gewesen wäre. Vielleicht wird eines schönen Tages ein anderer Erzähler, mich persönlich würde es freuen, über Ähnliches berichten. Es sei nur noch schnell der Vollständigkeit halber erwähnt, dass der März des Jahres, in dem K. geboren wurde, ungewöhnlich wenige Singvögel aufwies, dafür aber das gesamte Jahr hindurch die verschiedensten Tierarten (auch jene, denen man nicht unbedingt ein musikalisches Gehör nachsagt) sehr harmonisch zu vernehmen waren.


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