Ertrinken
"Erzähl' mir mehr", bitte ich dich und die Worte klingen in meinem Kopf nach.
Sie scheinen seltsam gierig, als wollte ich dir all deine Offenbarungen, deine Gedanken und Gefühle
entreißen, sobald sie deinen Lippen entronnen sind. Wie oft habe ich dich schon gebeten, und es kümmert
mich nicht mich jedes Mal aufzugeben für die Momente mit dir, deiner Stimme.
Und du? Du sitzt dort am Boden, mit untergeschlagenen Beinen, gesenktem Kopf und ein wenig hängenden Schultern.
Wüsste ich nicht, welches Herz sich dahinter verbirgt, müsste ich glauben du wärest still und traurig, vielleicht einsam.
Doch da ich um dich weiß, habe ich mich nur begieriger in die Wasser deines Geistes gestürzt und es dir überlassen
mich ertrinken oder darin treiben zu lassen. In jedem Falle aber gab ich damit die Geschicke aus der Hand
und bin nurmehr eine führerlose Nussschale auf dem offenen Meer.
Du schaust hinunter auf deine Hände,
auf die Teetasse darin, die du drehst und wendest, wie du es wohl auch in deinem Innern tust.
Du drehst dich um dich selbst, siehst, dass es noch nicht Zeit ist zu sprechen, der Moment noch
nicht gekommen ist einer Nichtigkeit ihren Weg in fremde Köpfe zu gewähren und schweigst einen
unendlichen Moment lang. Jede deiner Silben erlangt Bedeutsamkeit, jeder Satz unermessliches Gewicht
und ich glaube zu ersticken in jeder Sekunde der Stille. Sie kriecht in meine Ohren, in mein Herz
und füllt es mit Zweifeln , bis es zu bersten droht. Du machst mich glauben, du wolltest
nie mehr sprechen und nährst die Furcht in mir, ich hätte nie genug gewürdigt, vielleicht nichteinmal
verstanden, was du mir sagen wolltest. Deine blitzenden Augen strafen die unsichere Geste Lügen, wenn
sie kurz aufschauen, um zu sehen welch ungeheure Wirkung du erzielst. Ein tiefer Atemzug, deine Hände
beteuern nocheinmal deine Unschuld und mein Herz wirbelt wohl tausendfach die gleichen Worte durch
meinen Körper . "Du wirst sprechen!"
Du setzt dich etwas aufrechter, jedoch ohne ein weiteres Mal deinen Blick zu heben. Du willst, dass ich
zuhöre, mich ganz darauf konzentriere ohne deine Absichten zu fühlen, die mir doch so bekannt sind.
Doch ich lasse dir nur zu gern die Genugtuung, du habest sie verbergen können.
Vielleicht werde ich heute ertrinken, vielleicht aber wirst du mich ein weiteres Mal verschonen.
Deine Hände geben endlich die Tasse frei, setzen sie behutsam auf dem Boden vor deinen Füßen ab.
"Ich muss gehen", bedauerst du mit einem kurzen Lächeln,"Lass uns ein anderes Mal weitersprechen."
Du wirst gehen, jedoch mit dem Versprechen, dass du wiederkommst, das mir die Tage erträglich macht.
Ich schaue dir nach, als du unten auf der Straße den Weg heim zu dir einschlägst. Eine dunkle Gestalt,
die sich nach und nach in der Nacht verliert. Ein anderes Mal. Du sagst nicht, wann ein anderes Mal
sein wird, aber du weißt, und vielleicht lächelst du darüber, dass ich es kaum erwarten kann. Nur ein Grund für
dich das Meer aufzuwühlen, deinen Geist dem meinen zu entziehen, nur um zurückzukehren, wenn ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe.