Heimreise

An und für sich ist es keine große Sache, sagt er sich. Was ist schlimm daran für ein paar Tage zu verreisen? Mal davon abgesehen, dass er noch nie verreist ist. Doch dessen ungeachtet, was wäre schwierig daran den großen, braunen Koffer vom Dachboden zu holen, den Kleiderschrank zu öffnen und einen Teil seines Inhaltes in besagtes Reisebehältnis zu befördern? Zweifelsohne müsste man vorher lange und gründlich überlegen, was wirklich nötig und für eine Reise angemessen wäre. Beispielsweise wäre es doch über die Maßen lachhaft kurze Hosen einzupacken, wenn er doch in ein Skigebiet fährt. Nicht, dass er jemals auf die Idee kommen würde Skilaufen zu gehen. Im Fernsehen berichten sie andauernd von jenen, die sich bei solcherlei sportlichen Eskapaden den Hals oder anderweitige Körperteile brechen. Er hat nicht vor den seinigen dasselbe Schicksal angedeien zu lassen. Überdies würde ihm die Kälte so oder so nicht zusagen, geschweige denn wohltun. Doch auch lange Hosen in warmen Gegenden, die er fast noch weniger leiden kann als Wintersportgebiete, würden doch erheblich zum Amusement anderer Reisender betragen. Seine blasse Haut würde ohnehin in der sengenden Sonne des Südens binnen Minuten feuerrot werden. Auch auf Hautkrebs legt er keinerlei Wert. Warum also nicht in die nähere Umgebung fahren und somit das Problem der Kleiderwahl ein beträchtliches Stück eindämmen? Nur über's Wochenende. Das wäre doch durchaus kein Problem, denkt er sich. Allerdings ist doch das Bahnfahren im eigenen Land fast noch schwieriger als eine Fahrt ins Ausland. Er wird umsteigen müssen. Zwei-, drei- oder viermal, an fremden Bahnhöfen, wo ihn dann womöglich ein Bettler anspricht, um ihn abzulenken, während dessen Kumpane hinterrücks sein Gepäck stielt. Auch das will in Betracht gezogen sein und erscheint ihm gar nicht mal so abwegig, je länger er darüber nachdenkt. Es ist doch kein Verbrechen mit heilen Knochen, gesunder Haut und Hab und Gut im Schrank daheim bleiben zu wollen? Und genau dies erscheint ihm nach reiflicher Überlegung als das Beste. Wer kann ihm schon vorwerfen, dass er lieber zuhause bleibt? Er wird den Koffer also nicht vom Dachboden holen. Seine Kleidung wird im Schrank verbleiben. Und seine gedankliche Reise führt ihn, wie schon so oft, heim.


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