Dachwohnung

Oben unter dem Dach wohnen wir. Ganz hoch über der Stadt. Man muss einige Treppenstufen steigen, um zu uns zu gelangen, aber den meisten macht es nichts aus. Es sind wohl auch nur wenige, die bei uns vorbeischauen, denn das Treppenhaus ist trist und riecht nach Vergessen. Aber sie mögen den Blick über die Stadt. Sehen ohne gesehen zu werden. Das Licht der Straßenlaternen gelangt nicht bis hier herauf. Es sitzt unten auf der Straße und schaut nur ein Stück in die Dunkelheit. Im Sommer ist es sehr heiß hier oben und in der Nacht können wir nicht schlafen. Dann öffnen wir einfach die Luke und sehen hinauf zu den Sternen. Die Luke schließt nicht richtig und so können wir sie manchmal flüstern hören. Die Menschen aber, dort unten in den staubigen Straßen, sind uns fern. Mit ihrem flüchtigen Lieben, Denken, Reden. Oft laufen sie zu schnell und wissen doch gar nicht warum. Im Winter lassen wir den Wind gern herein. Wenn der Schnee auf dem Dach liegt und er ihn herein und um unsere Nasen weht. Dann lachen wir, bis es zu kalt dazu ist. Wir haben noch nie versucht die Luke zu reparieren. Wenn der Frost uns zu sehr ärgern will, kauern wir uns einfach unter unsere Decke und warten, bis er gegangen ist. Hinunter, zu dem Mann aus dem Nachbarhaus, der schon lange verwitwet ist und oft allein im Park sitzt. Und zu den Kindern, deren Mütter immer energische Falten um den Mund haben. Und wir wohnen oben unter dem Dach. Es sind 200 Treppenstufen, die man zu uns hoch steigen muss. Wir haben sie zusammen gezählt.


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