Brief über London

Heute morgen lag er auf meiner Türschwelle. Ein Brief von dir. Fleckig war er, als hättest du ihn im Regen eilends zwischen zwei Vorlesungen eingeworfen. Ich weiß, du hast nicht viel Zeit. Du hast nie Zeit. Aber ich bin dir dankbar für dieses einzelne Blatt Papier, eng beschrieben mit deiner ungelenken Schrift. Du sagst immer, dass du nie eine richtige Handschrift haben wirst, dass deine Zeilen immer krumm sein werden. Aber es stört mich nicht, ich mag deine Buchstaben, die einander nicht an den Händen fassen. Sie stehen sämtlich einzeln, als zerbrechliche Kunstwerke, die aus deinen Fingern aufs Papier fließen. Wenn du schreibst, bist du konzentriert und ziehst die Stirn in Falten. Oft vergisst du dann Licht zu machen, obwohl es viel zu dunkel ist. Und jetzt schreibst du, dass du nun endlich gehen willst. Nach London. Du hast seit einem Jahr von nichts anderem gesprochen als von England und der großen Stadt. Ich stelle mir vor, wie du dort im Regen durch die Straßen hastest mit deinem schwarzen Taschenschirm, den du kaum festhalten kannst, wenn es windig ist. Ich werde nicht da sein, um ihn am Davonfliegen zu hindern. Aber du wirst mir schreiben, ich solle mich nicht sorgen. Am Abend wirst du vor dem Zubettgehen ein paar Zeilen an mich richten. Vielleicht über das englische Essen, an das du nicht gewöhnen kannst. Oder die ständige Zugluft. Du wirst Brot vermissen und Vanillepudding und ich werde dir einmal im Monat ein Päckchen schicken. Vielleicht wirst du mir von Freunden berichten, die John oder Charlotte heißen und einen Mittelklasseakzent haben. Und ich werde mich fragen, ob du ihnen auch von mir erzählst. Jetzt liegt er auf meinem Nachtschränkchen. Der Brief von dir. Er hat ein paar zusätzliche Flecken bekommen und das Papier ist vom vielen Auseinanderfalten ganz brüchig geworden. Deine krummen Buchstaben lächeln mir zu und erzählen wie schön es sein wird. Ich werde ihn in Ehren halten. Deinen Brief über London.


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